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DIE GRÜNEN IM KREIS REUTLINGEN

Harald Ebner fordert Systemwandel in der Landwirtschaftspolitik

Ende Juli war der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik, im Haus der Jugend. Auf Einladung des Kreisverbands Reutlingen von Bündnis 90/ Die Grünen sprach er zum Thema „Stummer Sommer – Pestizide im Fokus“. Dabei mahnte er zu einem raschen Umsteuern bei der Landwirtschaftspolitik.

Cindy Holmberg, Kreistagsmitglied und Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des Kreisverbands, begrüßte die etwa 20 anwesenden Zuhörer*innen und stellte die Initiative „Pestizidfreie Kommune“ vor, einer grünen Initiative für Reutlingen. Seit 1987 sei Reutlingen auf eigenen Flächen pestizidfrei. Es sei an der Zeit, damit zu werben und eine weitere Verankerung vorzunehmen. Auch auf Kreistagsebene fördere die grüne Fraktion die Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden.

Harald Ebner stellte an den Anfang seines Vortrags eine Analyse der Gegenwart: Es sei ein massives Insektensterben zu beobachten. Die Biomasse der Insekten sei in Deutschland in den letzten 20 Jahren um 70-80% zurückgegangen. Veranschaulichen ließe sich dieser Rückgang der Insekten bei einer Autobahnfahrt: während vor 20 Jahren die Scheibe voll gewesen sei, sei sie heute weitgehend frei. Dieser Rückgang wirke sich bedrohlich auf die Artenvielfalt und die Ökosysteme insgesamt aus: Im selben Zeitraum sei die Anzahl der Brutvögelpaare um 60% zurückgegangen (in absoluten Zahlen: um 300.000.000 Paare). Ökosysteme seien grundsätzlich flexibel, aber sollte sich der Trend fortsetzen, drohe ein Kippen des Ökosystems. Die Frage sei also: wie viel Rückgang ist noch verkraftbar? Bei einer Anhörung im Umweltausschuss in der letzten Legislaturperiode seien sich die Experten einig gewesen: Der Insektenrückgang sei alarmierend.

Die Ursachen dieser Entwicklung seien wissenschaftlich weitgehend geklärt: verantwortlich sei die Ausgestaltung der Landwirtschaft. Eine Verarmung der Landschaft infolge der ständigen Intensivierung der Landwirtschaft böte immer weniger Insekten einen Lebensraum (konkret: weniger Randstreifen, weniger Hecken,…). Außerdem verursache der Einsatz von Pestiziden den Insektenschwund. „Logischerweise töten Insektizide Insekten“, so Ebner. Neonikotinoide seien verantwortlich für das Bienensterben. Bezeichnend sei, dass die EU-Kommission kürzlich drei zugelassene Neonikotinoide aus dem Verkehr gezogen habe, weil die Schädlichkeit offensichtlich geworden war. „Das System ist an einen Punkt gekommen, an dem es sich nicht mehr selbstständig regenerieren kann“, fasste Ebner zusammen. Folgende Änderungen schlug Ebner in der Folge vor: Die Ausbildung müsse verändert werden - Ökologischer Pflanzenschutz müsse fokussiert werden in Lehre und Forschung. Landwirtschaftspolitik habe auf EU-Ebene die Aufgabe Leistungen zu entlohnen, die dem Gemeinwohl dienen. Dazu müssten die Direktzahlungen ersetzt werden durch Anreize für eine Ökologisierung der Landwirtschaft. Das derzeitige Fördersystem sei kontraproduktiv. Die derzeitigen Preise bezeichnete Ebner als irreführend: „Warum ist ein Produkt billiger, das bei der Produktion massive ökologische Schäden verursacht, die wiederum aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden müssen? Würden die Kosten eingepreist, wären diese Produkte nicht billiger“. Die Zulassungsverfahren müssten auf den Prüfstand. Studien aus der freien Wissenschaft sollten Grundlage für Entscheidungen sein und nicht Studien der Industrie, wie dies beispielsweise bei Glyphosat geschehen sei. Ein Forschungsfonds für unabhängige Wissenschaft sei einzurichten um zu verhindern, dass Großkonzerne wegen der Profitorientierung nur Studien mit dem für sie richtigen Ergebnis veröffentlichen würden. Studiendesign müssten vorab veröffentlicht werden um Transparenz zu schaffen. Der Staat müsse aber vor allem wieder seiner Verantwortung gerecht werden. Lediglich 1,5% der Agrarforschung gehe in die ökologische Landwirtschaft. Angesichts der globalen Nachhaltigkeitsprobleme sei dieser Wert beschämend. Schließlich appellierte Ebner noch an die Macht der Verbraucher: „Wir entscheiden beim Griff ins Regal, wie die Landschaft um uns aussieht.“