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DIE GRÜNEN IM KREIS REUTLINGEN

Heubuch möchte bäuerliche Landwirtschaft stärken

Die grüne Europaabgeordnete Maria Heubuch berichtete bei ihrem Besuch auf der Alb über die negativen Auswirkungen der derzeitigen europäischen Agrar-Subventionspolitik. Und stellte dar, wie eine nachhaltige Landwirtschaft strukturiert sein müsste.

Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke begrüßte die über 30 Interessierten, die der Einladung des Ortsverbands Mittlere Alb und des Kreisvorstands von Bündnis 90/ Die Grünen in die Pizzeria De Vita nach Bernloch gefolgt waren: „Wir wollen das Höfesterben beenden und eine Landwirtschaft, die hilft beim Klimaschutz“, fasste sie die Position der Bundestagsfraktion zusammen, bevor sie das Wort an Maria Heubuch übergab.
Die Europaabgeordnete, selbst Betreiberin eines bäuerlichen Milchviehbetriebes, umriss die derzeitige Situation der Landwirte: Die niedrigen Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse machten den Landwirten das Leben schwer und setzten sie unter Druck. Viele seien vor die Wahl gestellt entweder zu wachsen oder zu weichen. Exemplarisch führte sie die „Milchkrise“ von 2015/16 vor Augen: Innerhalb eines Jahres hätten 4081 Milchbetriebe aufgegeben, 5,6% der Betriebe seien damit verschwunden. Der Rückgang an Milchkühen betrug im selben Zeitraum dagegen nur 1,6%.
Herausforderungen seien zudem der Klimawandel (so sei beispielsweise eine Häufung von Extremwetterereignissen feststellbar) und die ungeklärte Perspektive für den Einsatz von Pestiziden. „Während ursprünglich der Einsatz von Pestiziden die letzte Option war, wenn alle anderen Verfahren nicht griffen, gibt es mittlerweile Verfahren, die ohne Pestizide nicht mehr funktionieren“, kritisierte Heubuch. Durch den öffentlichen Druck sehen sich Teile des Handels gezwungen ihrerseits Verbote für Pestizideinsatz bei von ihnen beorderten Produkten zu verhängen. „Das ist politisches Versagen“, stellte Heubuch klar, „durch das Fehlen politischer Vorgaben und Programme werden die Bauern mit ihren Problemen alleine gelassen.“
Weltweit führe das derzeitige Landwirtschaftsgeflecht dazu, dass sowohl Bauern vor Ort als auch weltweit in einer Existenzkrise seien. Während in Deutschland allerdings v.a. die wirtschaftliche Existenz gefährdet sei, gehe es bei Bauern in Entwicklungsländern ums schiere Überleben. Dazu nannte sie erschreckende Zahlen: 70% der Hungernden weltweit seien Landwirte, deren Erträge schlicht nicht ausreichten und die, bedingt durch den Klimawandel und Freihandelsverträge, in Zukunft noch stärker unter Druck geraten dürften. Und ebenfalls 70% der Menschen südlich der Sahara seien in der Landwirtschaft beschäftigt. Es seien folglich sehr viele Menschen von den Schwächen des derzeitigen Systems betroffen.
Als Hauptursache für Fehlentwicklungen identifizierte Heubuch das derzeitige EU-Subventionssystem. Subventionen würden aktuell auf zwei Säulen beruhen: Die erste Säule seien Direktzahlungen an Bauern, hauptsächlich abhängig von der Größe der landwirtschaftlichen Fläche (Umfang derzeit ca. 70% der Gelder). Die zweite Säule umfasse Programme für spezifische Maßnahmen und beinhalte 30% der Fördergelder. Entwürfe der EU-Kommission sehen vor, die Gelder zu kürzen, verstärkt in der wichtigen zweiten Säule (ca. 25 – 28%). Außerdem solle den Nationalstaaten eine größere Rolle zukommen bei der Gewichtung definierter Ziele. Es fehle an Indikatoren und Sanktionsmöglichkeiten bei der Verfehlung von Zielen. Es drohe daher auch innerhalb der EU ein Wettlauf nach unten bei Öko-Richtlinien. „Die Chance auf die nötige Transformation der Landwirtschaft wird verspielt“, bilanzierte Heubuch. Schließlich plädierte sie für einen aus ihrer Sicht unverzichtbaren Richtungswechsel in der Landwirtschaftspolitik: „Bei Nahrungsmitteln funktioniert der globale Markt nicht.“ Heubuch möchte eine bäuerliche Landwirtschaft stärken. Bei der Biodiversität habe in Studien eine klein und mittel strukturierte Landwirtschaft die besten Werte ergeben. Kleinere bäuerliche Landwirtschaft biete bessere Voraussetzungen für das Tierwohl und sichere deutlich mehr Arbeitsplätze. International müssten agrar- und entwicklungspolitischer Bereich zusammen gedacht werden. Freihandelsverträge und eine Politik für Großkonzerne gingen meist zu Lasten der Ärmsten.
Die anschließende Diskussion verlief sehr lebhaft. Bio-Landwirt Werner aus Sonnenbühl betonte die Vorteile der Direktvermarktung. Die Ausrichtung auf den Weltmarkt kritisierten gleich mehrere Landwirte. Ein Landwirt aus dem Lautertal brachte es auf den Punkt, indem er den kleinen Finger präsentierte und sprach: „Deutschland isch so groß. Ond mir wellet d’Welt ernähra. Goht’s eigentlich no?!“ Abschließend stellte Heubuch, nachdem sie darauf hingewiesen wurde, dass konventionelle Landwirte zunehmend Rechtfertigungsdruck verspüren, klar: „Es geht nicht um Bio-Landwirtschaft gegen konventionelle Landwirtschaft. Unser eigener Hof wird konventionell betrieben. Es geht um eine Ökologisierung der Landwirtschaft insgesamt. Und wir wollen viele bäuerliche Betriebe in der Fläche. Auf dem Weltmarkt können Landwirte, gerade auf der Alb, nicht bestehen.“